Der doppelte Exodus 

Die palästinensischen und die jüdischen Ansprüche in Sachen Flüchtlinge lassen sich gegenseitig aufrechnen.

850.000 Juden mussten ihre alte Heimat verlassen, rund 700.000 Palästinenser flüchteten während des Unabhängigkeitskrieges von 1948. Die Versuchung, beide Flüchtlingsgruppen gegeneinander aufzurechnen, liegt allein schon aufgrund ähnlich hoher Zahlen nahe. Doch es waren Staaten wie Libyen oder Ägypten, die sich ihrer jüdischen Bürger durch eine ganze Palette von Repressalien entledigten und sie um ihren Besitz brachten. Die Palästinenser aber verfügten damals wie heute nicht über einen eigenen Staatsapparat, durch den solche Verbrechen hätten begangen oder wieder gutgemacht werden können. Zudem stammen keine jüdischen Flüchtlinge aus den palästinensischen Gebieten – eine Ausnahme allenfalls sind die Opfer des Pogroms in Hebron von 1929. Man würde so die arabischen Staaten nachträglich dafür belohnen, Juden vertrieben und ihr Eigentum beschlagnahmt zu haben. Und das wiederum auf Kosten der Palästinenser, die in ihren Reihen nur geduldet, aber nie integriert wurden.

Die Israelis haben die Palästinenser vertrieben. Also ist die arabische Politik gegenüber den Juden nur eine Reaktion auf den palästinensischen Exodus.

Ein Unrecht lässt sich wohl kaum durch ein anderes Unrecht aufrechnen. Abgesehen davon sprechen die historischen Fakten gegen diese Annahme. Arabische Politiker kündigten bereits lange vor dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 Sanktionen gegen Juden in ihrem Machtbereich an. Allen voran Hadj Amin al-Husseini, der ein erklärter Bewunderer der Nationalsozialisten war. Der besser als „Grossmufti von Jerusalem“ bekannte palästinensische Nationalist plante für den „Endsieg“ gemeinsam mit den Achsenmächten Deutschland und Italien nichts Geringeres als eine „judenreine“ arabische Welt. Und die Repräsentanten arabischer Staaten sprechen vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen im Verlauf der Debatte um eine Teilung des Landes ganz offen von Gewalt gegen Juden in ihrem Machtbereich, sollte sich denn die internationale Gemeinschaft für die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina aussprechen. In Aden oder dem syrischen Aleppo, in Libyen und vielen anderen Orten waren diese offensichtlich staatlich sanktionierten Ausschreitungen gegen Juden bittere Realität geworden. All dies geschieht in den Jahren 1945 bis 1947, also zu einem Zeitpunkt, als der palästinensische Exodus noch lange nicht eingesetzt hatte.

Die Ausrufung des Staates Israels war der Grund für die Vertreibung von Juden aus Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten.

Sicherlich markiert das Jahr 1948 den Beginn der Vertreibung von Juden aus allen arabischen Staaten. Nur fand diese alles andere als spontan statt, denn Juden hatten in der arabischen Gesellschaft nie den gleichen Status wie Muslime. Als so genannte Dhimmis wurden sie oftmals wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Und dies bereits über Jahrhunderte hinweg. Restriktive Gesetze erschwerten Juden den Weg zur Gleichberechtigung. So waren zu Beginn der vierziger Jahre nur 15 Prozent aller Juden in Ägypten im Besitz der ägyptischen Staatsbürgerschaft, da sie den gesetzlichen Kriterien dafür nicht entsprachen. Und in den französischen Besitzungen Nordafrikas galten für einige Jahre die unter dem Druck der Nazis von Marschall Pétain und Mussolini verordneten antijüdische Gesetze, die quasi die spätere Ausgrenzung antizipierten. Die Gründung des Staates Israels bot arabischen Regierungen nur den Vorwand, einer schutzlosen Minderheit die Lebensgrundlage zu entziehen, sie auszuplündern und anschliessend zu vertreiben.

Vor dem Hintergrund des israelisch-arabischen Konfliktes ist die Vertreibung der Juden aus der arabischen Welt als Reaktion doch nur verständlich.

Die Tatsache, dass arabische Regierungen vor dem Hintergrund des Nahostkonfliktes Juden in ihrem Machtbereich als potenzielle Geiseln betrachteten, Gewalt gegen sie ausübten und sie meist all ihrer Besitztümer beraubten, beweist den generell wackligen rechtlichen und gesellschaftlichen Status von Juden in Ländern wie Ägypten oder Syrien bereits vor dem Jahr 1948. Wären die sephardischen Juden gleichberechtigte Staatsbürger gewesen, hätten Ausschreitungen und Vertreibung nicht so einfach möglich werden können. Zudem war Gewalt gegen Juden in den Jahren vor 1948 längst auf der Tagesordnung. Und die arabischen Regierungen liessen die Juden aus ihrem Machtbereich insbesondere nach Israel ziehen, weil sie sich durch die in das Land strömenden Flüchtlingsmassen eine Destabilisierung des jungen Staates erhofften.

Es geht den Juden bei der Frage der jüdischen Flüchtlinge doch wieder nur ums Geld.

Das Eigentum der 850.000 vertriebenen Juden aus den arabischen Ländern beträgt laut der World Organisation of Jews from Arab Countries über 100 Milliarden US-Dollar, andere Quellen nennen weitaus grössere Summen. Immobilien, Bankguthaben oder sonstiger Besitz, all das musste zurückgelassen werden und fiel in der Regel an den jeweiligen Staat. Es ist illusorisch zu glauben, dass irgendeine Regierung in der arabischen Welt sich in absehbarer Zukunft bereit zeigen würde, auch nur einen Bruchteil davon als Wiedergutmachung freizugeben. Das Anliegen aller Organisationen, die sich mit dem Schicksal der jüdischen Flüchtlinge beschäftigen, ist deshalb weniger die Frage einer Restitution von Eigentumsverhältnissen oder der Wunsch nach einer Rückkehr, als vielmehr die Anerkennung eines geschehenen Unrechts durch die internationale Gemeinschaft. Denn die Weltöffentlichkeit ist bestens mit der palästinensischen Flüchtlingsproblematik vertraut, mit dem im Umfeld des Jahres 1948 entstandenen zweiten grossen Exodus jedoch nicht. Auch wollen Gruppen wie Justice for Jews from Arab Countries (JJAC) keinesfalls die palästinensischen Rechte negieren oder einfach nur ihre Ansprüche mit denen der Palästinenser aufrechnen.

Es gibt überhaupt keine legale Basis für die Ansprüche von jüdischen Flüchtlingen aus der arabischen Welt.

In den Jahren zwischen 1947 bis 2003 wurden zum Nahostkonflikt über 681 UN-Resolutionen verabschiedet, mehr als einhundert davon befassen sich direkt oder indirekt mit der Not der palästinensischen Flüchtlinge. Nicht eine einzige thematisiert explizit das Schicksal jüdischer Flüchtlinge aus den arabischen Ländern. Doch in der UN-Resolution 242 von 1967, gemeinhin als einer der Meilensteine auf dem Weg zu einer politischen Lösung des Nahostkonflikts interpretiert, ist die Rede von „einer gerechten Lösung des Flüchtlingsproblems“. Der sowjetische UN-Botschafter scheiterte damals mit seinem Versuch, in diesem Zusammenhang nur von palästinensischen Flüchtlingen zu reden, am Widerstand des Abgesandten der USA, der mit Blick auf die Sephardim diese Formulierung bewusst vage haben wollte. Jüdische Flüchtlinge aus den arabischen Ländern können sich bei der Artikulierung ihrer Forderungen genau wie die palästinensischen auf genau diese UN-Resolution berufen.

Jüdische und palästinensische Flüchtlinge teilen das gleiche Schicksal.

Natürlich teilen beide Gruppen das Schicksal als Flüchtlinge. Doch während rund 850.000 Juden aus arabischen Ländern sofort die israelische Staatsbürgerschaft erhielten oder auch in Europa und den USA sich relativ unproblematisch eine neue Existenz aufbauen konnten, lebt ein Grossteil der palästinensischen Flüchtlinge seit Generationen unter miserablen Bedingungen in Lagern in Israels Nachbarländern. Zwar rechtfertigten einige arabische Regierungen die Vertreibung ihrer jüdischen Bürger mit dem Hinweis auf das Los der Palästinenser, doch reichte ihre Solidarität mit ihnen nicht einmal so weit, ihnen die syrische oder libanesische Staatsbürgerschaft zu geben. Eine Integration der palästinensischen Flüchtlinge in der arabischen Welt ist auch über fünfzig Jahre später nicht erwünscht. Zudem gab die internationale Gemeinschaft seit 1950 viele Milliarden US-Dollar aus, um die Lebenssituation dieser Menschen zu verbessern. Mit jährlich über 260 US-Dollar pro Kopf zählen die Palästinenser zu den am meisten von der Weltgemeinschaft alimentierten Völkern. Eine Unzahl von UN-Resolutionen hat sich mit ihnen beschäftigt. Die jüdischen Flüchtlinge dagegen erhielten diese internationale Hilfe nicht, ihre gewiss alles andere als unproblematisch verlaufene Integration musste aus eigener Kraft durch den Staat Israel geleistet werden. Und: Israel ist genau deshalb nicht das „europäische Kolonisationsprojekt“, von dem die arabische Propaganda immer wieder spricht, sondern setzt sich zu über fünfzig Prozent aus Flüchtlingen aus der arabischen Welt zusammen.

Nur Israel kann die Ansprüche der jüdischen Flüchtlinge nach aussen hin vertreten.

Im März 1951 erklärte Israels damaliger Aussenminister Moshe Sharett vor der Knesset, den Wert des vom irakischen Staat beschlagnahmten Eigentums erfassen zu wollen, um diesen mit eventuellen materiellen arabischen Ansprüchen auf dem Territorium Israels zu verrechnen. Doch haben sich alle israelischen Regierungen mit der Forderung nach einer Kompensation des beschlagnahmten jüdischen Eigentums in der arabischen Welt sehr zurückgehalten – bis zum heutigen Tag. Zu gross war die Furcht, dass man dadurch den palästinensischen Forderungen nach einer Rückkehr oder finanziellen Ausgleich automatisch zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen würde. Selbst bei den israelischen-ägyptischen Friedensverhandlungen in den siebziger Jahren wurde das Thema deshalb nur am Rande berührt. Ausserdem hat sich fast ein Drittel der arabischen Juden ein anderes Land als Israel zur neuen Heimat ausgesucht. Der Gedanke, dass Israel nun ihr verloren gegangenes Eigentum als Verhandlungsmasse bei der Aufrechnung mit palästinensischen Ansprüchen benutzen könnte, gefällt vielen sephardischen Juden ausserhalb Israels überhaupt nicht.

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