Der doppelte Exodus 

Schicksalsjahr 1948

Für fast alle Juden in den arabischen Ländern markieren die vierziger Jahre eine radikale Wende im Zusammenleben mit ihrer nicht-jüdischen Umwelt. Zwar lebten die auch Sephardim und Mizrahim genannten Juden in Nordafrika oder dem Nahen und Mittleren Osten seit Jahrhunderten relativ friedlich unter islamischer Herrschaft, aber als so genannte Dhimmis blieben sie oft Menschen zweiter Klasse. Dies sollte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhundert grundlegend ändern, als Frankreich sephardischen Juden in seinen nordafrikanischen Besitzungen die Bürgerrechte verlieh. De jure erhielten sie so den gleichen Status wie die Kolonialherren. Trotzdem waren gewalttätige Ausschreitungen gegen Juden selbst während der europäischen Herrschaft in der Region nichts Unbekanntes. Insbesondere in Algerien, wo erst im August des Jahres 1934 ein Pogrom im algerischen Constantine 25 Opfer gefordert hatte. Doch in den vierziger Jahren nahm die Bedrohung eine völlig neue Dimension an. Die nationalsozialistische Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik in Europa hatte auch für die Sephardim spürbare Konsequenzen: So galten die auf Druck der Nazis von Marschall Pétain und Mussolini verordneten antijüdische Gesetze in Frankreich und Italien ebenso für Marokko, Algerien, Tunesien sowie Libyen und antizipierten ansatzweise für einen kurzen Zeitraum all das, was in den Jahren nach 1948 überall in der arabischen Welt zur grausamen Realität wurde. Sephardischen Juden wurden die Bürgerrechte aberkannt, ihr politischer und wirtschaftlicher Handlungsspielraum radikal eingeschränkt. Und im Irak initiierte das kurzlebige Regime Raschid Alis im Sommer 1941 unter reger Mitwirkung der deutschen Botschaft einen blutigen Pogroms („Farhud“).

Country / Region Date of Jewish Community
Iraq 6th century BCE
Lebanon 1st century BCE
Lybia 3rd century BCE
Syria 1st century CE
Yemen 3rd century BCE
Morocco 1st century CE
Algeria 1st - 2nd century CE
Tunisia 200 CE

(Quelle: Justice for Jews from Arab Countries)

All diese Ereignisse führten zu einer Desillusionierung unter den Juden in den arabischen Ländern, die zuvor an eine halbwegs gelungene Assimilation geglaubt hatten. Die sephardischen Juden identifizierten sich fortan stärker mit dem politischen Zionismus, der bis dato unter ihnen nicht sonderlich viele Anhänger gefunden hatte – insbesondere als die gewaltsamen Übergriffe auf sie dramatisch zunahmen und sich am Horizont immer deutlicher die Konturen eines jüdischen Staates abzuzeichnen begannen. Endgültig ins Wanken geriet ihre bereits labile Situation in einigen arabischen Ländern aber unmittelbar nach der Proklamation des Staates Israels im Jahr 1948.

Arabische Drohungen vor der UN-Vollversammlung

Die Gründung des Staates Israel bot zahlreichen arabischen Regierungen den Anlass, Juden in ihrem Machtbereich zu enteignen und zu vertreiben. Doch geschah dies alles andere als spontan und unvorbereitet. Erste Drohungen wurden bereits im Herbst 1947 öffentlich vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen ausgesprochen, als dort über die Zukunft Palästinas und die Möglichkeiten einer Teilung des Landes debattiert wurde. So kündigte Ägyptens UN-Botschafter Heikal Pascha an: „Die Vereinten Nationen sollten nicht aus den Augen verlieren, dass die vorgeschlagene Lösung das Leben von einer Million Juden gefährden könnte, die in islamischen Ländern leben. Eine Teilung Palästinas könnte in diesen Ländern einen Antisemitismus hervorbringen, der sogar noch schwieriger zu beseitigen wäre als der, den die Alliierten in Deutschland auszurotten versuchen. (…) Wenn die Vereinten Nationen sich für eine Teilung Palästinas entscheiden, so werden sie verantwortlich für das Massaker einer grossen Zahl von Juden.“ Und: „Sollte ein jüdischer Staat gegründet werden, (…) würden in Palästina Unruhen ausbrechen, die sich auch auf die arabischen Staaten ausweiten würden und zu einem Krieg zwischen den beiden Völkern führen könnten.“ Heikal Paschas Ausführungen lassen sich wohl kaum mit seiner Sorge um das Schicksal der Juden in Ägypten begründen. Die Tatsache, dass er nicht nur von ägyptischen Juden sprach, sondern von Juden in allen arabischen Staaten generell, suggeriert ein gewisses Mass an Kooperation zwischen den arabischen Regierungen. Auch war er mit seinen Drohungen nicht alleine. Auch Iraks Aussenminister Fadil Jamali warnte die Vereinten Nationen, dass im Falle einer Teilung des Landes „die Massen in der arabischen Welt nicht zurückgehalten werden würden“ sowie „interreligiöser Schaden und Hass“ entstände. Und am 16. Mai 1948, nur zwei Tage nach der Ausrufung des Staates Israel beschloss die Arabische Liga bei einem Treffen in Kairo, dass Juden in arabischen Ländern die Staatsbürgerschaft entzogen und ihr Vermögen zur Finanzierung des Kampfes gegen Israel beschlagnahmt werden sollte. Die gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden in mehreren arabischen Ländern wie im syrischen Aleppo oder in Aden bereits in den Jahren 1945 bis 1947 sowie die unverhohlen artikulierten Drohungen vor den Gremien der Vereinten Nationen zeigen mit aller Deutlichkeit, dass es einige arabische Regierungen ernst mit der Eliminierung jüdischen Lebens auf ihrem Territorium meinten. Die Niederlage der arabischen Armeen im Unabhängigkeitskrieg von 1948 sollte dann auch das Signal für die Vertreibung sein, die durch eine ganze Palette wirtschaftlicher und politischer Zwangsmassnahmen eingeleitet wurde.

Dekolonisierung und Pan-Arabismus

Die Vertreibung von Juden aus Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten fand keinesfalls überall zur selben Zeit statt und lässt sich mit den Ereignissen des Jahres 1948 allein auch nicht erklären. Während die Gründung des Staates Israels eindeutig als auslösender Faktor für die Vertreibung von Juden aus dem Irak, Libyen, Syrien oder dem Jemen auszumachen ist, so waren es für die Juden Ägyptens Ereignisse wie die Sinai-Krise im Jahre 1956 sowie der von Staatschef Gamal Abdel Nasser geprägte Pan-Arabismus als vorherrschende Ideologie, die ihr Schicksal bestimmen sollten. Die rigide Arabisierungspolitik sowie die Verstaatlichung der Wirtschaft führten zu einer Vertreibung aller nicht-arabischen Minderheiten aus Ägypten. Neben griechischen und italienischen Minderheiten, die seit Generationen in Ägypten lebten, waren es vor allem ägyptische Juden, die zudem noch als „zionistische Agenten“ denunziert wurden und nun das Land verlassen mussten.

Der Prozess der Dekolonialisierung, die Konstruktion arabischer Nationalismen auf Kosten von ethnischen oder religiösen Minoritäten und das Aufkommen islamistischer Bewegungen sorgten für einen Exodus von Juden aus allen arabischen Ländern, der sich über zwei Jahrzehnte hinzog. So war es in Algerien der Rückzug Frankreichs im Jahre 1962 nach über zehn Jahren Kolonialkrieg, der das Ende der jüdischen Gemeinden einleitete. Weil algerische Juden zumeist französische Staatsbürger waren, mussten sie zusammen mit allen anderen Franzosen das Land verlassen. Wer nicht direkt gehen wollte, den setzte die neue algerische Regierung durch spezielle anti-jüdische Gesetze unter Druck. In Marokko und Tunesien war es die Niederlage der arabischen Armeen im Sechs-Tage-Krieg 1967, die zu staatlich sanktionierten Ausschreitungen führte, woraufhin die Juden diese beiden Länder fluchtartig verlassen mussten.

Der jüdische Exodus aus der arabischen Welt

Jewish Population in Arab Countries 1948-2001

 
1948
1958
1968
1976
2001
Aden
8,000
800
0
0
0
Algeria
140,000
130,000
1,500
1,000
0
Egypt
75,000
40,000
1,000
400
100
Iraq
135,000
6,000
2,500
350
100
Lebanon
5,000
6,000
3,000
400
100
Lybia
38,000
3,750
100
40
0
Morocco
265,000
200,000
50,000
18,000
5,700
Syria
30,000
5,000
4,000
4,500
100
Tunisia
105,000
80,000
10,000
7,000
1,500
Yemen
55,000
3,500
500
500
200
TOTAL
856,000
475,050
72,600
32,190
7,800

(Roumani 83) (AJY 58) (AJY 69;
Yemen: AJY 70)
(AJY 78)

(AJY 01;
Lebanon: AJY 88)

(Quelle: Roumani, Maurice, The Jews from Arab Countries: A Neglected Issue. WOJAC, 1983)

Irak

Im Juni des Jahres 1941 wurden während eines von der Deutschen Botschaft mitinitiierten Pogroms („Farhud“) nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 150 und 200 irakische Juden ermordet und über 1.000 verletzt. Eine randalierende Menge zerstörte jüdisches Eigentum im Wert von mehreren Millionen Dollar. Dramatisch gestaltete sich die Situation nach der Gründung des Staates Israels: Juden war die Auswanderung verboten und zahlreiche Personen wurden unter dem Vorwand, „Zionisten“ zu sein, öffentlich gehängt. Auch kam es zu willkürlichen Verhaftungen. Die in der Regel ohne Prozess in Gefängnisse verschleppten Juden konnten sich für 40.000 Dollar freikaufen. Angesichts solcher Ereignisse verliessen zehntausende Juden illegal über den Iran das Land. 1950 unternahm die irakische Regierung eine Kehrtwende und erlaubte die Auswanderung. In der Operation „Ezra und Nehemia“ flog Israel fast alle verbliebenen Juden ausser Landes. Ein Gesetz aus dem Jahre 1951 liess alles jüdische Eigentum an den Staat gehen. Damit gingen 2600 Jahre jüdische Präsenz am Euphrat zu Ende, von ehemals 135.000 Juden im Jahre 1948 waren 1958 nur noch 6.000 übrig. Im Jahre 2001 zählte der Irak gerade einmal 100 Juden.

Marokko

Marokko beheimatete mit über 260.000 Juden die grösste sephardische Gemeinschaft. Rechtlich gleichgestellt mit der übrigen Bevölkerung waren sie erst seit Beginn der französischen Herrschaft 1912. Trotzdem kam es immer wieder zu Pogromen, insbesondere 1948. Mit der Unabhängigkeit Marokkos im Jahre 1956 wurde auch die Emigration marokkanischer Juden in Richtung Israel verboten, nach Jahren der illegal praktizierten Auswanderung 1963 aber wieder erlaubt. Heue leben in Marokko rund 5.700 Juden in einer Atmosphäre relativ hoher Toleranz und Rechtssicherheit.

Algerien

Algerien stellte mit rund 140.000 Juden die zweitgösste jüdische Gemeinschaft Nordafrikas. Aufgrund der Tatsache, dass ihnen durch das Crémieux-Dekret von 1870 die französische Staatsbürgerschaft zugänglich war, verbesserte sich zwar ihre rechtliche Stellung, machte sie aber vor den immer wieder auftretenden gewaltsamen Übergriffen nicht immun. Die absolute Mehrheit der algerischen Juden verliess mit der Unabhängigkeit 1962 das Land und siedelte nach Frankreich über, nur wenige Tausend wählten Israel als neue Heimat. Heute leben in Algerien keine Juden mehr.

Tunesien

105.000 Juden lebten im Jahre 1948 in Tunesien. In den Monaten der deutschen Besatzung zwischen November 1942 und Mai 1943 unterlagen sie den Doktrinen der nationalsozialistischen Judenpolitik, die auf eine Ausgrenzung aus der tunesischen Gesellschaft abzielte und mehrere tausend tunesischer Juden zur Zwangsarbeit verpflichtete. Die Gründung des Staates Israels motivierte zwar auch zahlreiche tunesische Juden zur Auswanderung, doch der eigentliche Exodus erfolgte erst mit dem Ende der französischen Herrschaft über das Land sowie dem Sechs-Tage-Krieg. Im Sommer 1967 kam es zu Ausschreitungen gegen die rund 70.000 in Tunesien lebenden Juden, denen die „Sympathisierung mit dem Feind“ vorgeworfen wurde. Die grosse Synagoge von Tunis wurde damals von einer randalierenden Menge in Brand gesteckt, unzählige jüdische Geschäfte geplündert. Heute leben nur noch rund 1.500 Juden in Tunesien.

Ägypten

Die Gründung des Staates Israels und die Niederlage der arabischen Staaten im Krieg von 1948 hatten verheerende Konsequenzen für die Juden Ägyptens. Gewalttätige Übergriffe, Diskriminierungen und die immer wieder vorgebrachte Beschuldigung, „Zionist“ zu sein, gehörten fortan zu ihrem Alltag. Rund ein Drittel der 75.000 Juden verliess daraufhin das Land. Doch die grösste Fluchtwelle wurde durch die Nationalisierungspolitik Gamal Abdel Nassers und der Suez-Krise 1956 verursacht. Die rigorose Verstaatlichung von jüdischem Eigentum und Betrieben sowie die Erhebung des Panarabismus zur Staatsideologie zwangen bis auf wenige Einzelpersonen die gesamte verbliebene jüdische Gemeinschaft Ägyptens zur Auswanderung. Allein die Gesamtsumme des von Nassers Beamten in den fünfziger Jahren konfiszierten jüdischen Bankguthabens wird auf rund 2,5 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Libyen

Über zweitausend Jahre hinweg gab es jüdische Gemeinden in dem Gebiet des heutigen Libyens. In den letzten Jahren der italienischen Kolonialherrschaft sahen sich die rund 38.000 Juden mit antisemitischen Gesetzen konfrontiert, die die Ausgrenzung aus der libyschen Gesellschaft quasi antizipierte. Im November 1945 gab es bereits erste gewaltsame Übergriffe, in deren Verlauf allein in Tripolis 120 Juden ermordet wurden. Nach der Gründung des Staates Israels setzte sofort eine Auswanderungswelle ein, die die jüdische Gemeinschaft in Libyen auf 3.750 im Jahre 1958 schrumpfen liess. Im Libyen des Staatschef Gaddafi leben überhaupt keine Juden mehr.

Syrien

Syrien verbot direkt nach seiner Unabhängigkeit syrischen Juden die Auswanderung nach Palästina. Bereits 1947 kam es in Aleppo zu einem Pogrom. Alle Synagogen der Stadt wurden zerstört, 7.000 ihrer 10.000 jüdischen Einwohner flohen. Die syrische Regierung fror jüdische Bankguthaben ein und konfiszierte den gesamten jüdischen Besitz. Von ehemals 30.000 Juden im Jahre 1948 sank die Zahl innerhalb von nur zehn Jahren auf knapp 5.000. Die wenigen verbliebenen syrischen Juden unterliegen seither zahlreichen Beschränkungen, zahlreiche Berufe sind ihnen verwehrt, sie dürfen nicht ausreisen und müssen spezielle Ausweise mit sich führen.

Jemen

Plünderungen und Angriffe gegen Juden waren im Jemen vor 1948 nichts Ungewöhnliches. Doch nach der Gründung des Staates Israels nahm die Gewalt eine neue Dimension an. In der Operation „Fliegender Teppich“ evakuierte Israel 1949 deshalb rund 50.000 jemenitische Juden. Ihr zurückgelassenes Eigentum wurde sofort vom Staat konfisziert. Von ehemals 55.000 Juden im Jahre 1948 blieben nur 3.500 zurück. Heute zählt die jüdische Gemeinschaft im Jemen weniger als 200 Personen.

Aden

Bereits der UN-Beschluss einer Teilung Palästinas führte zu ersten Ausschreitungen gegen die rund 8.000 in Aden lebenden Juden. Der Grossteil der jüdischen Gemeinde floh deshalb direkt im Anschluss an die Gründung des Staates Israels, so dass 1958 nur noch 800 Juden dort lebten. Nur wenige Jahre später flohen auch die letzten Juden aus Aden.

Libanon

Über 2000 Jahre lebten Juden in der Region des heutigen Libanons. Die 1948 rund 5.000 Personen zählende jüdische Gemeinschaft hatte im Vergleich zu anderen arabischen Staaten einen relativ privilegierten Status, obwohl sie von Regierungsämtern ausgeschlossen waren, konnten sie sich frei bewegen. Zwar kam es 1945 in der überwiegend von Moslems bewohnten Stadt Tripoli zu einem Pogrom, bei dem zwölf Juden getötet wurden, doch der Schutz durch die christlichen Eliten des Landes bewirkten, dass der Libanon nach 1948 das einzige arabische Land mit einem jüdischen Bevölkerungszuwachs war, so dass die Zahl der Juden auf über 6.000 im Jahr 1958 anstieg. Die Rolle des Libanons als Ausgangspunkt des palästinensischen und islamistischen Terrors sowie die Wirren des Bürgerkrieges führten jedoch zu einer totalen Abwanderung. Heute leben schätzungsweise weniger als 100 Juden im Libanon.

Abb. 1 - Immigrants by Country of Birth and Year of Immigration, 1948 - 1953 (percent)
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(Quelle: Sicron, Moshe, Immigration to Israel, Jerusalem: Falk Institute and Central Bureau of Statistics)

 

Flucht nach Israel

Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges liessen die Juden in den arabischen Ländern verstärkt in den Mittelpunkt der zionistischen Bewegung und ihrer politischen Überlegungen rücken. Denn für die Verwirklichung eines jüdischen Staates war eine Stärkung des jüdischen Bevölkerungsanteils in Palästina dringend notwendig. Doch die nationalsozialistische Vernichtungspolitik reduzierte die Zahl potenzieller Einwanderer dramatisch. Am Ende des Krieges fanden sich in Europa nur noch 1,2 Millionen Juden, die meisten durch Verfolgung, Flucht und KZ physisch und psychisch geschwächt. Und nicht jeder der Überlebenden war gewillt, nach Palästina auszuwandern. Um den bereits 1942 von David Ben Gurion präsentierten Plan für eine Masseneinwanderung „Tochnit HaMillion“ (dt.: „Plan für eine Million“) realisieren zu können, kam daher den sephardischen Juden nun eine zentrale Rolle zu. Das Ziel einer gezielten Masseneinwanderung von Juden aus arabischen Ländern konnte jedoch erst nach der Staatsgründung verwirklicht werden. Geradezu generalstabsmässig organisierte Israel ihre Einwanderung: In der Operation „Fliegender Teppich“ wurden 1949 rund 50.000 Juden aus dem Jemen nach Israel ausgeflogen, in der Operation „Esra und Nehemia“ 120.000 irakische Juden. Mit über 200.000 Einwanderern stellen die marokkanischen Juden quantitativ die grösste Gruppe sephardischer Juden dar.

Abb. 2 - Motives for emigration in Magreb and immigration in Israel
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(Quelle: Bensimon-Donath, Doris, Immigrants ‚Afrique du Nord en Israel: évolution et adaption, Paris 1980)

Die überwiegende Mehrheit der Sephardim wählte Israel weniger aus zionistischen Motiven heraus zur neuen Heimat, sondern eher aufgrund einer sehr stark ausgeprägten religiösen Affinität und messianischen Sentiments. Und einmal dort angekommen, fanden die Juden aus arabischen Ländern ein rein europäisch geprägtes Land vor, das wenig Respekt für ihre Kultur hatte. Das aschkenasische Establishment in Israel betrachtete sie pauschal als „Wilde“ und dass, obwohl Juden in einigen arabischen Ländern die wirtschaftliche und kulturelle Eliten stellten. Familien aus Bagdad wie die Sassoons hatten schon im 19. Jahrhundert internationale Handelshäuser aufgebaut und in Ländern wie den Irak oder Marokko galten Juden als so etwas wie der Motor der Modernisierung. Umso traumatischer wurden für sie deshalb die ersten Momente in Israel. Die aus dem Irak eingeflogenen Juden beispielsweise wurden zur Begrüssung erst einmal mit DDT eingesprayt, eine Tatsache, die bei vielen ein Gefühl tiefer Demütigung hervorrief. Jemenitischen Familien wurden nach der Ankunft in Israel in zahlreichen Fällen die Kinder weggenommen, für tot erklärt und aschkenasischen Familien zur Adoption übergeben. Die europäisch-stämmigen Eliten Israels erwarteten, dass die arabischen Juden in kürzester Zeit zu westlichen Israelis mutierten und sich ihrer kulturellen Wurzeln entledigten. Sie wurden einem radikalen Prozess der „De-Arabisierung“ unterworfen oder wie es Staatsgründer David Ben Gurion einmal formulierte: „Wir wollen keine Araber als Israelis. Es ist unsere Pflicht, den Geist der Levante, der Individuen wie auch Gesellschaften zerstört, zu bekämpfen.“ Die arabische Vergangenheit der Sephardim stellte in seinen Augen für die Einheitlichkeit der israelischen Nation ein Risiko dar, weil sie die Grenzen zwischen Arabern und Juden verschwimmen liess. Die Integrationspolitik der Regierungen der Arbeiterpartei fiel denn auch fatal aus: Die Juden aus arabischen Ländern wurden in trostlosen, so genannten Entwicklungsstädten in der Negev-Wüste oder der Jordansenke angesiedelt, wo es kaum Arbeits- oder Ausbildungsmöglichkeiten gab. Auf dem von der Histadrut dominierten Arbeitsmarkt jener Jahre hatten sie zudem wenige Chancen.


IMMIGRATION OF JEWS FROM ARAB LANDS TO ISRAEL FROM MAY 15, 1948 TO MAY 22, 1972

Country Number

Morocco *


Tunisia

330,833

Algeria *


Libya

35,666

Egypt

29,325

Syria

10,402

Lebanon *


Yemen

50,552

Aden *


Iraq

129,292

Total

586,070

* Individual statistics for these countries were not recorded before 1950.

(Quelle: Aharoni, Ada, The Forced Migration of Jews from Arab Countries and Peace)

Alternativen zu Israel

Die Präsenz der europäischen Mächte in Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten sollte das Leben der Sephardim nachhaltig verändern. Ebenso wie die Christen in der Region und deren Förderung durch christliche Einrichtungen aus Europa hatten Juden beispielsweise dank des populären Erziehungssystems der in Frankreich beheimateten Alliance israélite universelle einen Bildungsvorsprung gegenüber der moslemischen Bevölkerung. In den Jahren der europäischen Herrschaft spielten sie deshalb auch eine überproportional grosse Rolle in der Verwaltung und im Handel. Die Akkulturation mit Frankreich oder Grossbritannien sorgte nicht nur dafür, dass die jeweiligen nationalistischen Bewegungen in den arabischen Ländern Juden pauschal mit den Kolonialmächten assoziierten und damit zu potentiellen Zielscheiben von Gewalt machten, sondern auch, dass diese europäischen Länder als neue Heimat für manche der arabischen Juden eher in Betracht kamen als Israel. Über 200.000 Sephardim wanderten daher nach Europa aus, einige zehntausend nach Nordamerika. Insbesondere Frankreich war ihr Ziel. Da die algerischen Juden bereits seit 1870 die französische Staatsangehörigkeit besassen und rund ein Drittel der tunesischen Juden ebenfalls französische Bürger waren, konnten sie ungehindert nach Frankreich einwandern. Aber auch rund 80.000 marokkanische Juden zog es in den fünfziger und sechziger Jahren dorthin. Die Tatsache, dass die wirtschaftlichen Perspektiven für sie in Israel nicht gerade verlockend erschienen und Berichte von Diskriminierungen die Runde machten, motivierte die ohnehin frankophonen Juden der ehemals französischen Besitzungen Nordafrikas sowie rund 10.000 Juden aus dem ebenfalls kulturell französisch geprägten ägyptischen Alexandria dazu, nach Frankreich zu gehen. Insbesondere Juden aus der Mittel- und Oberschicht dieser Länder zog es eher nach Europa als nach Israel. Aufgrund der Zuwanderung stellen heute die sephardischen Juden mit rund sechzig Prozent die Mehrheit der über 500.000 Juden in Frankreich. Die Affinität zur französischen Kultur machte zudem die frankophone Provinz Quebec in Kanada für rund 10.000 Sephardim zur neuen Heimat. Im vormals britisch kontrollierten Irak war es Grossbritannien, das sich als Alternative für die wenigen Tausend irakischen Juden anbot, die nicht nach Israel auswandern wollten.

Kompensationen und Anerkennung

Auf die politische Tagesordnung kehrten die Juden aus arabischen Ländern und ihr Schicksal während der Friedensverhandlungen von Camp David im Juli 2000 zurück. Der damalige US-Präsident Bill Clinton stellte in den Gesprächen einen direkten Zusammenhang zwischen den palästinensischen Flüchtlingen und ihnen her. Dabei schlug er die Einrichtung eines internationalen Fonds vor, der beide Seiten für die entstandenen Verluste kompensieren sollte. Mit dem Hinweis auf das Schicksal der Juden in den arabischen Ländern nach 1948 sollte die palästinensische Seite zur Aufgabe der Forderung nach einem Rückkehrrecht für alle Flüchtlinge nach Israel motiviert werden. Auch infolge des Irak-Krieges und der Beseitigung des Regimes Saddam Husseins rückte das Thema wieder in den Mittelpunkt. Ehemalige irakische Juden loten seither die Möglichkeiten aus, Sammelklagen einzureichen, um eine Rückerstattung der vom irakischen Staat beschlagnahmten Vermögenswerte einzufordern. Ferner haben sich Gruppen wie Justice for Jews from Arab Countries (JJAC) gebildet, die in Koordination mit dem World Jewish Congress und rund zwei Dutzend weiterer jüdischen Gruppen sowie dem Justiz- und Aussenministerium des Staates Israels sich zur Aufgabe gemacht haben, die internationale Aufmerksamkeit auf die jüdischen Flüchtlinge zu lenken. Die Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern und ihre viele Jahre andauernde Notsituation soll stärker in das historische Narrativ des Nahostkonfliktes und der israelischen Gesellschaft eingebunden werden. Ihr Ziel ist daher auch nicht die Rückkehr in die Länder, aus denen sie vertrieben worden sind, vielmehr geht es um eine Bestandsaufnahme des von den Regierungen zwischen Marokko und dem Irak beschlagnahmten Eigentums sowie ihre internationale Anerkennung als Flüchtlinge. Dabei kommt es ihnen nicht darauf an, ein Rückkehrrecht einzufordern oder etwa die palästinensischen Ansprüche auf eine Entschädigung für erlittenes Unrecht zu negieren.

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