Der doppelte Exodus
Frieden im Nahen Osten – an der Flüchtlingsfrage scheiterten bis dato alle Versuche, den Konflikt in der Region zu beenden. Denn noch heute leben über drei Millionen Palästinenser, die Nachfahren der rund 700.000 Flüchtlinge des Unabhängigkeitskrieges von 1948 und des Sechs-Tage-Krieges von 1967, unter teilweise elenden Bedingungen in Flüchtlingslagern in Israels Nachbarstaaten. Eine Vielzahl von UN-Resolutionen beschäftigte sich seither mit ihrem Schicksal. Doch die Palästinenser sind nicht allein. Was oft vergessen wird: Auch 850.000 Juden aus den arabischen Ländern wurden im Nahostkonflikt zu Flüchtlingen. Und im Unterschied zu den Palästinensern war ihr unfreiwilliger Exodus total. In den ersten beiden Jahrzehnten nach der Gründung des Staates Israel verschwanden zwischen Marokko und dem Irak fast alle jüdischen Gemeinschaften. Von den mehr als 850.000 Juden, die vor 1948 dort lebten, sind im Jahre 2001 nur knapp 7.800 übrig geblieben. Jüdische Gemeinden, die auf über 2.600 Jahre Geschichte zurückblicken konnten, existieren heute nicht mehr. 850.000 Juden mussten nach 1948 vor einer tödlichen Mischung aus Gewalt, antisemitischer Propaganda und staatlich sanktionierter Ausgrenzung aus den arabischen Ländern fliehen. Rund 600.000 Juden von ihnen emigrierten nach Israel, die übrigen gingen nach Europa oder Nordamerika. Weil sich diese Juden in ihrer neuen Heimat mehr oder minder erfolgreich integrieren konnten, werden sie schon lange nicht mehr als Flüchtlinge wahrgenommen. Doch da die palästinensischen Forderungen nach Rückkehr und finanziellem Ausgleich präsenter denn je auf der internationalen Agenda sind, rückt nun auch das Schicksal der vertriebenen Juden aus arabischen Ländern wieder verstärkt in den Mittelpunkt.


