Orthodoxes Judentum
- Wer sind die orthodoxen Juden?
- Die Shoah markiert einen Wendepunkt
- Staat und Orthodoxie arrangieren sich
- Privilegien belasten das Sozialsystem
- Religiöse Zionisten
- Orthodoxer Extremismus
- Ultra-Orthodoxe
- Radikale Anti-Zionisten
- Religiöse Parteien
Wer sind die orthodoxen Juden?
Historisch gesehen ist die Bezeichnung „orthodoxe Juden“ relativ neu. Ursprünglich diente sie dazu, den Teil des europäischen Judentums zu etikettieren, der unbeeindruckt von der Moderne an den überlieferten religiösen Praktiken festhielt. Durch die Ideen der Aufklärung im 18. Jahrhundert beeinflusst, hatte sich eine jüdische Variante dieser Gedanken entwickelt: die Haskala (hebräisch: Aufklärung). Das Besondere an der Haskala ist die Tatsache, dass sie sich nicht nur auf das gesamte Who’s who der damaligen Geisteswelt berief, sondern ebenfalls auf die Wurzeln eines spezifisch jüdischen Rationalismus, wie er bereits im Mittelalter von Maimonides formuliert wurde. Die Protagonisten dieser Strömung, allen voran Moses Mendelssohn, propagierten einen wissenschaftlichen Ansatz von Religion und betonten den Stellenwert einer rein säkularen Bildung. Ihr Ziel: Die Überwindung der Ghettomauern und die rechtliche Gleichstellung. Schliesslich hatte bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung in Teilen Europas eine grössere Differenzierung innerhalb der jüdischen Gemeinden stattgefunden. Es kristallisierte sich ein jüdisches Bürgertum heraus, das nicht mehr bereit war, sich weiterhin den traditionellen Lebensweisen zu unterwerfen. Der Prozess der Assimilierung setzte ein.
Gegen die Haskala erhob sich der Protest der Traditionalisten. Insbesondere die Einrichtung von jüdischen Schulen, in denen nicht mehr allein die Religion gelehrt wurde, sondern säkulare Wissenschaften, stiess auf Ablehnung. Viele Rabbiner befürchteten einen Verlust ihrer Autorität. Ihr Argument: Nur die eindeutige Trennung zwischen Juden und Nicht-Juden habe die jüdische Religion und Kultur über Jahrhunderte am Leben erhalten. Und während die Haskala in Mitteleuropa sich weitestgehend durchzusetzen vermochte, behielten die Traditionalisten abseits wichtiger jüdischer Zentren wie Odessa oder Wilna in Osteuropa lange die Oberhand. Aber die Haskala war nicht die einzige geistige Strömung der Moderne, mit der sie sich auseinandersetzen sollten. Im späten 19. Jahrhundert bildeten der Zionismus sowie die verschiedenen Ausprägungen der jüdischen Arbeiterbewegung neue Herausforderungen.
Jene Traditionalisten von damals lassen sich als Plattform all dessen bezeichnen, was heute unter dem Begriff „orthodoxes Judentum“ verstanden wird. Aber das orthodoxe Judentum ist keine einheitliche Bewegung, sondern setzt sich aus vielen einzelnen Gruppen zusammen. Das Spektrum ist weit gestreut und reicht von modern-orthodox über die Anhänger der zahlreichen Jeschiwot (hebräisch: Religionsschulen), die sich allein ihren rabbinischen Autoritäten verbunden fühlen, bis hin zu den Lubawitscher Chassiden und deren mystisch angehauchtem Verständnis vom Judentum. Während die Befürworter der modern-orthodoxen Richtung eine weltliche Bildung als Ergänzung zu einer religiösen Erziehung befürworten und in der Regel pro-zionistisch eingestellt sind, sieht es bei den übrigen Vertretern der Orthodoxie anders aus: Ihre Haltung gegenüber der säkularen Welt und gegenüber dem Zionismus variiert von indifferent bis feindselig.
Die Shoah markiert einen Wendepunkt
Einen Wendepunkt in dem Verhältnis zwischen jüdischer Orthodoxie und dem Zionismus brachte die Shoah. Die Mehrheit der Überlebenden mit orthodoxem Hintergrund folgte der Deutung, dass die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, die religiöse wie nicht-religiöse Juden gleichermassen getroffen hatte, ein göttlicher Akt gewesen sei, der jenseits der menschlichen Erklärungsmöglichkeiten liegt. Nur eine Minderheit unter ihnen erklärte die Shoah als Strafe Gottes für die Nichtbeachtung religiöser Gebote. Und weil die alten Zentren orthodoxen Lebens zerstört waren, eine Rückkehr nicht möglich schien und die Auswanderung in die USA Einschränkungen unterlag, beschloss ein Teil der Überlebenden der jüdischen Orthodoxie, sich in Palästina bzw. Israel niederzulassen. Dies bedeutete, dass die dorthin ausgewanderten orthodoxen Juden ihre Haltung gegenüber dem Zionismus neu definieren mussten.
Bis zur Shoah hatte die Orthodoxie mehrheitlich den Zionismus abgelehnt. Ihr Hauptargument lautete: Jede Geschichte sei Gotteswerk, nicht Menschenwerk. Ein jüdischer Staat kann nur durch eine göttliche Intervention ins Leben gerufen werden und das heisst, allein durch die Ankunft des Messias. Jeder Versuch, den Lauf der Geschichte selbst zu bestimmen, komme einer Rebellion gegen Gott gleich. Ihre Ablehnung hatte aber noch andere Ursachen. Die frühen Apologeten einer jüdischen Eigenstaatlichkeit hegten mehrheitlich Sympathien für den Sozialismus und bewerteten die Religion eher als ein Relikt aus vergangenen Zeiten, das irgendwann einmal verschwinden wird. Der Konflikt zwischen beiden Gruppierungen schien daher vorprogrammiert und wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit harten Bandagen ausgetragen. Für die Anhänger des Zionismus waren die Orthodoxen generell „Primitive“ oder „Parasiten“, Begrifflichkeiten, die auch heute noch gerne Verwendung finden. Umgekehrt bezeichnen Vertreter der Orthodoxie Zionisten pauschal als „Häretiker“ oder „Goyim“ (hebräisch: Nicht-Juden).
Staat und Orthodoxie arrangieren sich
Trotz aller Animositäten zwangen die äusseren Umstände Zionisten und Orthodoxe dazu, eine Art modus vivendi zu entwickeln. Bereits in den zwanziger und dreissiger Jahren kristallisierte sich im Palästina der Mandatszeit eine Art Arbeitsteilung heraus, die im grossen und ganzen bis zum heutigen Tage ihre Gültigkeit bewahrt hat. Die politische Autorität lag bei der zionistischen Organisation und ihren Funktionsträgern, die religiöse Autorität bei den Orthodoxen. Diese Regelung erhielt den Beinamen „Status quo“. Ausgehandelt wurde sie von dem Labourzionisten Berl Katznelson. Unter anderem wurde vereinbart, dass in allen öffentlichen Einrichtungen die Speisegesetze beachtet und der Schabbat eingehalten werden. Gleichzeitig aber unternahmen die säkularen Protagonisten der zionistischen Bewegung den Versuch, traditionelle Symbole wie die Menorah aus ihrem rein religiösen Kontext zu lösen und ihnen eine neue, nationale Bedeutung zu verleihen.
Ein weiterer Kompromiss wurde nach der Staatsgründung zwischen Ministerpräsident David Ben Gurion und dem Repräsentanten der Ultra-Orthodoxen, Rabbi Avraham Yishayahu Karelitz ausgehandelt. Zum einen ging es dabei um die Freistellung von Jeschiwa-Studenten vom Militärdienst, zum anderen um die Beachtung des Schabbats in weiteren Teilen des öffentlichen Lebens. So dürfen beispielsweise seither am Schabbat keine Busse im Lande fahren – eine Ausnahme bildet die Stadt Haifa, deren Bevölkerung zu rund 20 Prozent aus arabischen Israelis besteht. Aber etwas viel Bedeutsameres wurde damals blockiert: Israel hat keine Verfassung. Als im Mai 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, versprachen die Autoren der Unabhängigkeitserklärung, dass bis zum 1. Oktober 1948 eine solche ausgearbeitet werden würde. Doch bis zum heutigen Tag geschah nichts. Stattdessen hat im Laufe der Jahre der Oberste Gerichtshof einen ganzen Katalog so genannter Basisgesetze erlassen, der die Einhaltung der Menschenrechte, die Bewegungs- und die Pressefreiheit sowie noch weiterer Grundrechte absichert. Wann immer aber das Thema auf der Tagesordnung steht, wird reflexartig das Gegenargument angeführt, dass nur ein Teil des jüdischen Volkes in Israel lebe und man nicht über den Kopf der Millionen Juden hinweg entscheiden möchte, die noch nach Israel einwandern werden. Erst wenn eines Tages alle Juden hier lebten, sei die Zeit reif für eine Verfassung.
Doch das ist nur die eine Seite der Wahrheit. Für Teile der orthodoxen Bevölkerung Israels kann es neben der Thora und den Religionsgesetzen keine weitere Norm geben, der sie sich unterwerfen. „Kein Gesetz über der Thora!“, lautet ihr Mantra. Eine Verfassung, die nicht völlig mit den Gesetzen der Thora übereinstimmt, kann nicht gültig sein, hiess es schon 1948 seitens der national-religiösen Partei Agudath Israel. Ergo vermieden Israels Gründungsväter den Konflikt mit der Agudath Israel und rührten das Thema nicht weiter an. Eine Koalition mit der Partei der Orthodoxen zur Absicherung seiner Macht war David Ben Gurion wichtiger, als einen Streit mit ihnen vom Zaun zu brechen. Irgendwie schienen Israels Entscheidungsträger von damals auch gehofft zu haben, dass sich das Problem von alleine lösen werde. Die Orthodoxen galten für sie als Relikt der Vergangenheit und würden in zwei oder drei Generationen verschwunden sein.
Privilegien belasten das Sozialsystem
Was David Ben Gurion damals als Balanceakt verstanden hatte, nämlich die Akzeptanz des Staates Israel durch die Orthodoxen in der Weise zu erreichen, dass man Religion und Staat nicht trennte sowie ihnen Privilegien einräumte, hat sich als Fehlschlag erwiesen. Er ist nicht nur zu einer Gefahr für die Demokratie geworden, sondern auch für das Sozialsystem: 1948 waren nur wenige tausend Menschen im Sinne der Orthodoxie religiös, im Jahr 2000 aber sind rund 20 Prozent der Bevölkerung in der einen oder anderen Form orthodox. Mit steigender Tendenz, denn ultra-orthodoxe Frauen bringen durchschnittlich 7,6 Kinder zur Welt. Die Folgen: Israels Anteil an berufstätigen Männern in der Altergruppe von 25 bis 54 sank im Zeitraum von 1970 bis 1993 von 93,5 Prozent auf 85,7 Prozent. Zum Vergleich: In den USA liegt der Anteil bei konstant 94 Prozent. Zudem ist der Anteil nicht arbeitender Männer unter den Ultra-Orthodoxen von 41 Prozent im Jahre 1980 auf mehr als 60 Prozent im Jahre 1999 angestiegen. Zwar lehnen viele dieser Ultra-Orthodoxen den Staat Israel als „gottlos“ ab, aber selbst radikal antizionistische Gruppen haben keinerlei Hemmungen, sich und ihre religiösen Institutionen von eben diesem finanzieren zu lassen. Bis zu 70 Prozent des Einkommens all derer, die an einer Jeschiwa lernen und lehren, bestreitet der Staat. Und nach jeder neuen Koalitionsverhandlung wachsen die Belastungen für das Sozialsystem, weil die orthodoxen Parteien immer grössere Summen als Preis für ihre politische Unterstützung verlangen. Trotz einer Vervielfachung des Sozialprodukts in den vergangenen 20 Jahren stiegen deshalb die Ausgaben für die Erhaltung des Sozialsystems prozentual von 22 Prozent auf über 30 Prozent.
Religiöse Zionisten
Die Mehrheit der orthodoxen Juden stand dem Zionismus und seinen Zielen ablehnend bis feindlich gegenüber. Doch gab es auch orthodoxe Gelehrte, die in der Idee einer jüdischen Eigenstaatlichkeit etwas Positives sahen. Ihr wichtigster Repräsentant war Rabbi Isaak Jakob Reines, der sich als Gelehrter aufgrund seiner unkonventionellen Lehrmethoden einen Namen erworben hatte. Weil er in seiner Jeschiwa versuchte, weltliche mit religiösen Themen zu verknüpfen, machte sich Rabbi Isaak Jakob Reines im orthodoxen Establishment ziemlich unbeliebt. Reines vertrat die Auffassung, dass orthodoxe Juden immer am unteren Ende der sozialen Skala verbleiben würden, wenn sie sich nicht dazu bereit erklärten, auch praktisch anwendbare Kenntnisse zu erwerben. Seine Idee: In Palästina sollten Siedlungen entstehen, in denen das Studium der Thora einhergehe mit körperlicher Arbeit. Rabbi Isaak Jakob Reines zeigte auch Präsenz in Kongressen der zionistischen Bewegung. 1902 initiierte er im litauischen Wilna die erste Zusammenkunft religiöser Zionisten, die daraufhin unter dem Namen Mizrachi (1. ein Akronym für Merkas Ruchani, hebräisch: „spirituelles Zentrum“, 2. hebräisch: „Östlich“) firmierten.
Die Anhänger von Mizrachi führten damals eine Art Zweifrontenkampf: Zum einen gegen die Gegner des Zionismus in den Reihen der Orthodoxie. Ihnen galt es zu beweisen, dass sie keine Verräter am Judentum waren. Zum anderen innerhalb der zionistischen Bewegung, die in ihren Kindertagen überwiegend säkular und sozialistisch ausgerichtet war. In der neuen jüdischen Gesellschaft, so die Auffassung der religiösen Zionis ten, sollte die Religion nicht zu kurz kommen dürfen. Gewiss, sie teilten das Argument der übrigen Orthodoxie, dass ein jüdischer Staat nur durch göttliche Intervention entstehen dürfe, glaubten aber, diesen Prozess durch ihr eigenes Engagement innerhalb der zionistischen Bewegung einleiten zu können. Die Rückkehr nach Zion sei ein Beweis für ihren Glauben an Gott, welcher dann die Entwicklungen aufgreift und diesen Prozess beenden wird. Die Mizrachi-Bewegung arbeitete innerhalb der Zionistischen Weltorganisation und fokussierte ihr Engagement dabei insbesondere auf das Schulwesen, das auf religiösen Prinzipien aufgebaut werden sollte. Ihre Vertreter sorgten dafür, dass das Oberrabbinat sowie die religiösen Gerichte in den institutionellen Rahmen des Jischuws eingebunden wurden. Dies ging auf die Initiative von Rabbi Abraham Isaac Kook zurück. Er setzte sich für eine Entspannung der Beziehungen zwischen Zionisten und der Orthodoxie ein und wurde 1924 der erste ashkenasische Oberrabbiner im Palästina der britischen Mandatszeit. Rabbi Abraham Isaac Kook war der festen Überzeugung, dass die säkularen Zionisten unbewusst eine göttliche Mission erfüllten. Die damals vorherrschende Hegemonie der nicht-religiösen Zionisten sei nur eine vorübergehende Phase der messianischen Entwicklung. Rabbi Abraham Isaac Kook glaubte, dass die eigentlich gottlosen Zionisten gute Arbeit leisteten, weil sie dem Messias den Weg ebneten. Sie seien der „Esel des Messias“ und dienten damit natürlich auch der Orthodoxie. Sein Sohn Rabbi Zvi Jehuda Kook ging anders als sein moderater Vater weitaus radikaler vor und deutete die Staatsgründung 1948 sowie den Sieg im Sechstagekrieg 1967 als Meilensteine auf dem Weg zur nationalen Erlösung. Als prestigeträchtige Galionsfigur der extremistischen Siedlerbewegung Gush Emunim versuchte er, die Besiedlung der besetzten Gebiete zu einem religiösen Gebot aufzuwerten.
Nach der Staatsgründung 1948 mutierte Mizrachi zu einer politischen Partei, beteiligte sich an der ersten Koalitionsregierung und stellte den Religionsminister. 1953 wurden die Mizrachi-eigenen Kindergärten und Grundschulen zu einer der beiden Säulen des staatlichen israelischen Bildungssystems umgewandelt. Mizrachi unterhält eigene Berufsschulen, Jeschiwot und gründete 1955 die religiöse Bar-Ilan-Universität nahe Tel Aviv. Politisch fusionierte die Mizrachi-Bewegung 1956 mit der Nationalreligiösen Partei, als Sprachrohr und organisatorische Klammer religiöser Zionisten weltweit ist sie aber auch heute noch sehr aktiv und fördert die Einwanderung orthodoxer Juden nach Israel. Religiöse Zionisten finden sich insbesondere unter den Einwanderern aus den USA. Zwar wanderten im Jahr 2002 nur rund 2.020 Juden aus Nordamerika nach Israel aus. Der hohe Anteil - 56 Prozent - der Orthodoxen muss als überdurchschnittlich hoch bezeichnet werden
Orthodoxer Extremismus
Seit Gründung des Staates Israel gibt es zwei unterschiedliche Auffassungen darüber, wie dieser auszusehen hat: Ein demokratischer Staat, der allen seinen Bürgern gleiche Rechte garantiert, oder ein Gemeinwesen, das allein auf ethnisch-religiösen Prinzipien basiert. Während der säkulare Zionismus in den ersten Jahrzehnten der Existenz Israels die dominante Strömung war und lediglich die Schulpolitik das Hauptbetätigungsfeld der religiösen Zionisten ausmachte, so änderte sich dies in den Jahren nach 1967. Mit der Eroberung der Westbank geriet das Territorium unter israelische Kontrolle, das gemäss der Auffassung religiöser Zionisten als Judäa und Samaria das eigentliche „Heilige Land“ ist. Ihre Deutung der Ereignisse: Der Sieg Israels 1967 war Teil eines göttlichen Heilsplans, nun gilt es ihrer Diktion, das „befreite“ Land durch Besiedlung zu „erlösen“. Die Siedlerbewegung Gush Emunim entstand, die spätestens seit dem Jahre 1977, als die Arbeiterpartei in Israel die Macht verlor und mit Menachem Begin erstmals ein Likud-Politiker Ministerpräsident wurde, von der Regierung nicht nur wohlwollend toleriert, sondern auch massiv protegiert wurde. Die Nationalreligiöse Partei (MAFDAL) war seither das Sprachrohr der Siedler in der Knesset. Rabbi Zvi Jehuda Kook, der geistige Ziehvater von Gush Emunim, formulierte die Haltung der frommen Siedler gegenüber dem Staat folgendermassen: „Die Regierung ist nicht legitim, wenn sie nicht den Wunsch des Volkes, Erlösung durch Besiedlung erfüllt. Diejenigen, die den Wunsch äussern, sich von Judäa und Samaria zurückzuziehen, werden von Gott verflucht. Wir erhalten von der Thora die Gebote, nicht von der Regierung. Die Thora übertrifft die Regierung. Sie ist ewig, während diese Regierung provisorisch ist.“ In diesen Zeilen kommt symptomatisch die Haltung orthodoxer Extremisten zum Ausdruck. Und weil religiöse Zionisten generell ihren Wehrdienst leisten und oftmals eine Karriere in den israelischen Streitkräften anstreben, ja sogar eigenständige Elite-Einheiten bilden, ist ihre Ausstrahlungskraft auf die israelische Gesellschaft im Unterschied zu den Ultra-Orthodoxen, die keinerlei Armeedienst leisten wollen, viel stärker. Aber auch sie respektieren das säkulare Gesetz nur so lange, wie es nicht mit der eigenen Überzeugung der von Gott gegebenen Halacha kollidiert. Wie Soldaten mit einem solchen Hintergrund reagieren, wenn sie einmal den Befehl erhalten sollten, besetztes Land oder jüdische Siedlungen zu räumen, darauf darf man gespannt sein.
Weitaus extremistischer als Gush Emunim ist die Anhängerschaft von Rabbi Meir Kahane, dem 1990 in New York ermordeten Gründer der 1988 in Israel verbotenen „Kach-Bewegung“. Aus ihrem Umfeld rekrutierten sich die Terroristen des so genannten „Jüdische Untergrunds“, die zahlreiche Anschläge auf palästinensische Bürgermeister und Einrichtungen verübten sowie der Arzt Baruch Goldstein, der mit seinem Mord an 29 betenden Moslems in Hebron zu trauriger Berühmtheit gelangte. Sie alle entstammen diesem Teil des orthodoxen Milieus.
Ultra-Orthodoxe
Die ultra-orthodoxen Juden, die sich selbst Haredim (hebräisch: die Ehrfürchtigen) nennen, repräsentieren rund fünf Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels. Aber auch die Haredim sind in zahlreiche Fraktionen unterteilt, die sich mitunter spinnefeind sind – und das oft schon seit mehreren hundert Jahren. Zu den Haredim gehören chassidische Gruppierungen aller Schattierungen, beispielsweise die unter Juden missionarisch auftretende Chabad-Bewegung. Ihre Gegner, Mitnagdim oder Litauer genannt, repräsentieren die klassische Variante der osteuropäischen Ultra-Orthodoxie. Alle diese Gruppierungen berufen sich auf ihre jeweiligen rabbinischen Lehrmeister und deren Nachkommen. Und wie alle fundamentalistisch angehauchten Bewegungen beansprucht jede die ganze religiöse Wahrheit für sich. Einig dagegen sind sie sich in ihrer absoluten Ablehnung gegenüber allen nicht-orthodoxen Formen des Judentums und natürlich der säkularen Umwelt. Ihre erklärten Feindbilder: Die besonders in den USA präsenten konservativen Strömungen des Judentums oder gar das Reformjudentum. Verbündete in ihrem Kampf finden sie im übrigen orthodoxen Lager. Damit sind die Haredim eine Belastung im Verhältnis zwischen Juden in der Diaspora und in Israel. Von nicht-orthodoxen Rabbis durchgeführte Konversionen werden von ihnen nicht anerkannt und durch die von ihnen initiierte Debatte „Wer ist Jude?“ haben sie sich die Mehrheit der russischen Einwanderer zum Gegner gemacht, da sie deren jüdische Herkunft immer wieder in Frage stellen.
Radikale Anti-Zionisten
Ohne Zweifel gilt Neturei Karta (aramäisch für: „Wächter der Stadt“) als radikalste Gruppierung innerhalb der jüdischen Orthodoxie, die den Staat Israel ablehnt. Als eine Abspaltung der Agudath Israel 1938 gegründet, zählt Neturei Karta zwischen 500 bis 1.000 Mitglieder. Die Anhänger von Neturei Karta leben in Jerusalems ultra-orthodoxer Enklave Meah Shearim, in Bnei Braq nahe Tel Aviv und in New York, wo sie die traditionellen Lebensweisen des osteuropäischen Judentums pflegen. Sie fordern nachhaltig die Auflösung des Staates Israel, den Zionismus verurteilen sie als reines Teufelswerk. Ihre Begründung: Ein jüdischer Staat kann nur durch den Messias ausgerufen werden kann. Die Existenz Israels ist daher für sie pure Häresie. Traditionell begeht Neturei Karta den Unabhängigkeitstag des Staates Israel als eine Art Trauertag. Anders als die übrigen Ultra-Orthodoxen gehen sie in ihrer Ablehnung aber so weit, sich mit den erklärten Feinden Israels zu verbünden. Seit 1974 unterstützt Neturei Karta deshalb die PLO, ihr spiritueller Kopf, Rabbi Mosche Hirsch bekleidet seit Mitte der neunziger Jahre den Posten eines Ministers für Jüdische Angelegenheiten der Palästinensischen Autonomiebehörde. Und in den USA haben sie sich als solidarisch mit der „Nation of Islam“ und ihrem offen antisemitisch agierenden Vorsitzenden Louis Farrakhan erklärt. Die Shoah bewertete Rabbi Mosche Hirsch im Februar 2000 als Strafe Gottes dafür, dass die Mehrheit der Juden die Gesetze der Halacha missachte.
Religiöse Parteien
Die Nationalreligiöse Partei (MAFDAL) entstand 1956 durch die Vereinigung der beiden religiös-zionistischen Gruppierungen Mizrachi und HaPoel HaMizrachi. Ihr politisches Ziel: Die israelische Gesetzgebung soll mit den Prinzipien der Halacha übereinstimmen. Frühe Erfolge verzeichnete die Nationalreligiöse Partei in der Schulpolitik. Auf ihre Initiative hin wurden parallel zu den staatlichen Schulen auch religiöse Schulen eingerichtet, die seither gleichberechtigt nebeneinander existieren. Bis 1977 stand die Nationalreligiöse Partei der Arbeiterpartei nahe und war an fast allen Koalitionsregierungen beteiligt. Namhafte Politiker wie Josef Burg stammen aus ihren Reihen. Sie traten für eine Politik des Ausgleichs mit den arabischen Nachbarstaaten und für die Gleichberechtigung der arabischen Israelis ein. Doch in den siebziger Jahren lässt sich ein Positionswechsel in Richtung rechts-nationalistisches Lager beobachten. Seit 1977 ist die Nationalreligiöse Partei Verbündeter des rechtsnationalen Likud. Auch mutierte sie immer stärker zum Sprachrohr der extremistischen Siedlerbewegung Gush Emunim. Deutlich wird diese Neuorientierung an der Person des aktuellen Vorsitzenden der Partei, Efi Eitam, der eine Melange aus Nationalismus und Messianismus propagiert. Mit dem Aufkommen neuer religiöser Parteien und deutlich rechts vom Likud einzuordnender Gruppierungen in den achtziger Jahren schwand der Einfluss der Nationalreligiösen Partei kontinuierlich. Nach den Knesset-Wahlen im Februar 2003 stellte sie nur noch sechs Abgeordnete.
Innerhalb weniger Jahre stieg die 1983 von der Agudath Israel abgespaltene Shass-Partei zur stärksten politischen Kraft im religiösen Lager auf. Die Wähler von Shass - ein Akronym für Shomrei Thora Sephardim (hebräisch: Sephardische Thora-Wächter) - sind überwiegend in den Reihen der marokkanisch-orthodoxen und irakisch-orthodoxen Juden zu finden. Aber auch viele nicht-orthodoxe Israelis nordafrikanischer Herkunft wählen Shass, weil sie diese Partei als Vertreter ihrer spezifischen Interessen wahrnehmen. Die Ursachen für die Gründung der Shass-Partei gehen auf den Gegensatz zwischen Juden aus Europa und den USA (Aschkenasim) sowie Juden aus Nordafrika und dem Mittleren Osten (Sephardim) zurück. Zwar studierten zahlreiche Sephardim an den Jeschiwot aus dem Umfeld von Agudath Israel und adaptierten beispielsweise durch die Übernahme des Kleidungsstils osteuropäische Traditionen, doch fühlten sie sich durch die Dominanz des Jiddischen als Sprache des Unterrichts und der Diskussion ausgegrenzt. Mit dem Erstarken eines sephardischen Selbstbewusstseins in den siebziger und achtziger Jahren entstanden eigene religiöse und politische Bewegungen und Institutionen. Die Shass-Partei ist ohne Zweifel die Erfolgreichste davon. Shass kämpft für religiöse Positionen und gegen die Benachteiligung sephardischer Juden. Zugleich baute die Partei ein eigenes Netz von Bildungs- und Hilfsorganisationen auf, dessen Alimentierung durch den Staat schon häufig Gegenstand von Kritik war, da Shass die Unterstützung einer Regierung immer wieder von finanziellen Zuwendungen für ihre Sozialprojekte abhängig machte. Was den Friedensprozess angeht, fährt Shass eine Art Zick-Zack-Kurs und war sowohl an Koalitionen mit der Arbeiterpartei wie auch mit dem Likud beteiligt. Ihr Führungspersonal besetzte oftmals politische Schlüsselpositionen wie das Innenministerium und war in zahlreiche Korruptionsskandale verwickelt. Bei den Knesset-Wahlen 1999 wurde Shass sogar zur drittstärksten politischen Kraft und stellte 17 Abgeordnete, nach den Wahlen vom Februar 2003 ging es mit der Wählergunst massiv bergab. Heute stellt Shass nur noch 11 Parlamentarier.
Agudath Israel und Degel HaThora
Die Agudath Israel (hebräisch: Vereinigung Israels) wurde bereits 1912 im polnischen Kattowitz gegründet. Ihr Ziel war die Aufrechterhaltung und Pflege einer traditionellen, allein auf der Thora und der Halacha basierenden Lebensweise. Zugleich definierte sich Agudath Israel als grosse Klammer aller orthodoxen Gruppen in Europa und den USA in ihrem gemeinsamen politischen Kampf gegen den politischen Zionismus. Während der britischen Mandatszeit in den dreissiger Jahren lehnte sie die Autorität der Jewish Agency ab und versuchte bei der britischen Mandatsverwaltung die Anerkennung als eigenständige jüdische Gemeinschaft zu erreichen. Unter dem Eindruck der Shoah revidierte Agudath Israel ihre antizionistische Haltung.
Sie bildete 1949 mit anderen religiösen Parteien eine gemeinsame Liste, die bei den Wahlen zur ersten Knesset rund 15 Prozent der Stimmen und damit 18 Mandate erhielt. Der orthodoxe Parteienblock zerfiel dann auch schon wieder im Jahre 1950. Seither war Agudath Israel an mehreren Koalitionsregierungen beteiligt. Ihr politisches Anliegen: Die Durchsetzung religiöser Grundsätze in allen Lebensbereichen in Israel. 1987/88 kam es zur Spaltung von Agudath Israel. Der mehrere Jahrhunderte alte Gegensatz zwischen Chassidim und Mitnaggedim unter ihrer ausschliesslich osteuropäisch-stämmigen Anhängerschaft sorgte für die Gründung einer weiteren orthodoxen Partei unter der Bezeichnung Degel HaThora (hebräisch: Fahne der Thora). Nach der Abspaltung von Degel HaThora mutierte Agudath Israel immer mehr zu einer politischen Repräsentanz der mystisch-religiösen Chassidim. Trotz dieser Rivalitäten gehen beide Parteien seit 1992 regelmässig auf einer gemeinsamen Wahlliste unter der Bezeichnung Yahdut HaThora (hebräisch: Vereinigtes Thora-Judentum) ins Rennen um die Wählergunst. Nach den Knesset-Wahlen im Februar 2003 stammen fünf Abgeordnete aus den Reihen von Yahdut HaThora. Und mit Uri Lupoliansky stellt Degel HaThora seit den Kommunalwahlen vom 3. Juni 2003 sogar den Bürgermeister von Jerusalem. Obwohl nur rund ein Drittel der Bevölkerung Jerusalems orthodox bzw. ultra-orthodox ist, erhielt er 52 Prozent der Stimmen und ist der erste ultra-orthodoxe Bürgermeister der Stadt.
Auch Meimad ist eine Abspaltung der Nationalreligiösen Partei. 1988 gegründet, steht der Name auch für das Programm: Meimad ist das Akronym für Medinat Jehudit, Medinat Demokratit (hebräisch: ein jüdischer Staat, ein demokratischer Staat). Meimad gehört eindeutig zu den Befürwortern des Friedensprozesses, eines gerechten Ausgleichs mit den Palästinensern und für gesellschaftlichen Pluralismus. Das kontinuierliche Abgleiten der Nationalreligiösen Partei in das rechts-nationalistische Lager und die immer enger werdende Verbindung mit der extremistischen Siedlerbewegung Gush Emunim hatte zahlreiche religiös-zionistische Persönlichkeiten abgeschreckt und zur Gründung einer eigenen Partei motiviert. Wahltechnisch gingen sie eine gemeinsame Liste mit der Arbeiterpartei ein. Michael Melchior, der Vorsitzende der Partei, bekleidete in den Jahren 2001 und 2002 das Amt eines stellvertretenden Aussenministers.


