Orthodoxes Judentum
Israels Gesellschaft ist gespalten: Zwischen orthodoxen und säkularen Juden herrschen Spannungen. Beide unterscheiden sich darin, wie sie leben, welche Kleidung sie tragen und wie sie sprechen. Doch es geht um mehr als nur einen Lifestyle. Vom „Kulturkampf“ ist bereits die Rede. Oder vom Abgleiten in einen religiösen Fundamentalismus und der Kapitulation der Demokratie. Alles dreht sich um die Frage, was für ein Staat Israel in der Zukunft sein wird. Werden eines Tages die Gottesfürchtigen, die streng nach den religiösen Gesetzen leben und nur den Worten ihres Rabbis gehorchen, den Ton angeben, oder aber die weltlichen Israelis, die sich politisch dem westlichen Wertesystem zugehörig fühlen? Oder anders ausgedrückt: Droht Israel in ein ethnisch-religiöses Ghetto verwandelt zu werden und hat es dann überhaupt noch die Chance, sich gegenüber seinen arabischen Nachbarn zu behaupten? Rein demographisch ist die Antwort völlig klar: Rund 80 Prozent der jüdischen Israelis sagen von sich, dass sie säkular sind oder traditionell. Etwa 20 Prozent definieren sich als orthodox, wovon wiederum fünf Prozent den Ultra-orthodoxen zuzuordnen sind. Aber obwohl sie zahlenmässig klar unterlegen sind, verfügen die Orthodoxen über enormen gesellschaftlichen Einfluss. Denn seit der Gründung des Staates Israels spielen sie die Rolle des umworbenen Mehrheitsbeschaffers in fast allen Regierungen. Und auch rein quantitativ legen sie zu, denn anders als bei säkularen Israelis sind sieben oder acht Kinder nicht die Ausnahme, sondern die Norm.
Doch orthodox ist nicht gleich orthodox. Das orthodoxe Judentum ist keine einheitliche Bewegung mit einer zentralistischen Verwaltung, sondern in viele Gruppen zersplittert. Deren Regeln und Glaubensvorstellungen mögen zwar weitestgehend identisch sein, können sich aber in ihrer Haltung gegenüber der Moderne wie auch gegenüber dem Staat Israel sehr unterscheiden. Deshalb geht es innerhalb der Orthodoxie alles andere als harmonisch zu. Das Spektrum ist weit gestreut und reicht vom religiösen Friedensaktivisten, der den Dialog mit den Arabern sucht und weit davon entfernt ist, säkularen Israelis sein Wertesystem aufzuzwingen, über den messianisch wie ultra-nationalistisch gesinnten Siedler, für den jeder Quadratmeter besetztes Land heilige Erde ist, bis hin zu fanatischen Ablehnern des Staates Israel.


