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NZZ, Neue Zürcher Zeitung, vom 04.06.2002, Seite: 15
Inland
AA Auswärtige Autoren
"Der
Nahostkonflikt
betrifft uns alle" /Persönliche Betrachtungen eines Schweizer Juden /Von Roman
Rosenstein
, Zürich * /Die gegenwärtige Entwicklung im Nahen Osten betrifft sehr direkt auch Tausende von Schweizer Bürgern. Die Auswirkungen der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern haben dabei einen grösseren Einfluss auf die Befindlichkeit der Schweizer Juden, als man denken könnte. Zwar kann wohl von einem kollektiven Unmut in der jüdischen Gemeinde gesprochen werden, aber die Einschätzung der Situation hängt von der individuellen Biographie und der politischen Einstellung jedes Einzelnen ab. Die folgenden Betrachtungen stammen von einem nicht religiös engagierten jüdischen Schweizer Bürger.
Ich bin als nicht religiöser Jude im christlich geprägten Zürich als gleichberechtigter Schweizer Bürger aufgewachsen und berufstätig. Ich wurde auf Grund meiner Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft nie benachteiligt. So war ich bisher auch der Meinung, dass Schweizer Juden gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich nicht diskriminiert werden. Die Frage, ob die Schweiz auch in Zukunft mein Zuhause sein kann, wurde in meinem Umfeld vor 1994 nie aufgeworfen. Das war zur Zeit des als bedrohlich empfundenen Abstimmungskampfes zum Antirassismusgesetz, welches schliesslich vom Souverän ganz knapp angenommen wurde. Meine jüdische Identität ist von einer starken kulturellen und nationalen Komponente geprägt, die ich 54 Jahre nach der israelischen Staatsgründung nicht mehr "zionistisch" nennen mag. Mein Engagement für die hiesigen Institutionen der jüdischen Gemeinschaft sowie die Verbundenheit mit dem Staat Israel teile ich mit vielen Freunden und Angehörigen.
Mein persönliches Verhältnis zu Israel hatte seit 1982, dem Jahr des Libanon-Feldzuges, einige Belastungsproben zu bestehen. Trotzdem war und bin ich überzeugt, dass Israel - das einzige jüdische Land der Welt - mehr als nur ein Zufluchtsort für bedrängte Juden ist. Bei allen Vorbehalten gegenüber verschiedenen israelischen Regierungen ist und bleibt es eine Tatsache, dass das Selbstverständnis der Schweizer Juden in direktem Zusammenhang mit der gesicherten Existenz des jüdischen Staates steht.
Antisemiten haben wieder Aufwind
Während Jahrzehnten probierten Tausende junger Schweizer in israelischen Kibbuzim alternative Lebensformen aus. Im Angebot des Schweizerischen Studentenreisedienstes (SSR) waren Israel-Arrangements so selbstverständlich wie Städtereisen. Die Schweiz bewunderte die Leistungen Israels für dessen Integration unterschiedlichster Kulturen. Unser Kleinstaat pflegte mit Israel intensive Beziehungen auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet. Wechselseitige Gastprofessuren zwischen Schweizer Universitäten und israelischen Forschungsstätten waren in der akademischen Welt an der Tagesordnung. Zudem ist die Schweiz für viele Israeli ein bevorzugtes Investitions- und Ferienland. Diese vielseitigen Verbindungen stärkten persönliche und wirtschaftliche Beziehungen quer durch alle Bevölkerungsschichten beider Länder. Sie befruchten bis zum heutigen Tag Institutionen, die sich der Handelsförderung, der wissenschaftlichen Zusammenarbeit oder dem kulturellen Austausch verschrieben haben.
Bis vor wenigen Jahren war es ein Leichtes, bei politischen Parteien, Verbänden und Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik Sympathie und Unterstützung für jüdische und/oder israelische Anliegen zu finden. 1993 verlief die Wahl der jüdischen Gewerkschafterin Ruth Dreifuss in den Bundesrat ohne Nebentöne und festigte das Vertrauen in ein ungetrübtes Verhältnis der Schweiz zu ihren jüdischen Mitbürgern. Dann kam plötzlich die Wende. Bundespräsident Delamuraz brachte es fertig, mit seiner unbedachten Bemerkung, die amerikanischen Juden erpressten die Schweiz, die Hemmschwelle der Antisemiten auf ein bedrohlich tiefes Niveau sinken zu lassen. An jüdische Persönlichkeiten und Institutionen adressierte Briefe mit antisemitischen Beschimpfungen nahmen sprunghaft zu; und die zuvor meist anonymen Absender begannen, ihre Schmähbriefe mit vollem Namen zu zeichnen.
Was viele bisher für unmöglich hielten, geschieht, ohne dass sich in der schweizerischen Öffentlichkeit viel regt. Israelische Touristen werden von Ferienwohnungsbesitzern wegen ihrer Nationalität abgewiesen, als religiöse Juden erkennbare Schulbuben werden auf offener Strasse angepöbelt, die Untersuchung des Mordes an Rabbi Grünberg bleibt resultatlos, auf dem Berner Bundesplatz schauen Polizei und Nationalrat Cavalli beim Verbrennen einer israelischen Flagge taten- und kommentarlos zu. Was andernorts als Staatsbeleidigung gilt, darf hier offenbar unter den Augen der Polizei als Demonstrationskolorit abgetan werden.
Auch wenn die von der eidgenössischen Rassismuskommission statistisch erhobenen rassistischen Zwischenfälle in der Schweiz nur zu einem kleinen Teil antisemitischen Charakter haben, sind das doch bedenkliche Entwicklungen. Die zur Aufklärung und Bekämpfung des Antisemitismus erforderlichen Massnahmen sind allerdings eine vordringliche Aufgabe der Zivilgesellschaft und nicht der jüdischen Organisationen.
Desinteresse an jüdischen Themen
Viele mit Juden und Israel in Zusammenhang stehende Themen wurden in den letzten Jahren von den Medien in kurzen Abständen aufgegriffen. Kaum war die Debatte um das Antirassismusgesetz in den Hintergrund getreten, kam die Diskussion über die schweizerische Rolle während und nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Traktandenliste. Und letztes Jahr stand mit der Revision des Tierschutzgesetzes die Schächtfrage im Zentrum der öffentlichen Debatte.
Obwohl die Thematisierung jüdischer Anliegen und Werte der christlichen Mehrheit einen guten Einblick in Befindlichkeiten und Traditionen einer Schweizer Minderheit gibt, ist das Publikum der entsprechenden Themen überdrüssig und reagiert mit Desinteresse. Nun werden die kulturellen und gesellschaftspolitischen Fragen von erschreckenden tagesaktuellen Nachrichten aus dem Nahen Osten überschattet.
In der Schweiz leben die muslimische und die jüdische Minderheit konfliktfrei nebeneinander. Über eine Viertelmillion Muslime leben heute in der Schweiz. Die jüdischen Gemeinden zählen etwa 18 000 Mitglieder, die in der Schweiz seit Jahrzehnten gesellschaftlich unvergleichbar stärker integriert sind. Unsere Traditionen und Lebensweisen stehen der christlich geprägten Mehrheitskultur von jeher wesentlich näher.
War es politisches Kalkül, oder widerspiegelt es eine neue Realität, dass vor drei Wochen beim Thema "die Schweizer Rolle in Nahost" in die Sendung "Arena" des Schweizer Fernsehens DRS die Gesellschaft Schweiz- Palästina, nicht aber die Gesellschaft Schweiz-Israel eingeladen wurde? Ist es eine vorübergehende Ratlosigkeit oder eine neue Realität, dass in den letzten Wochen kaum jüdische Stimmen zum Krieg in Israel vernehmbar waren? Warum fanden in der Schweiz nirgendwo Kundgebungen gegen den neu aufflammenden Antisemitismus und gegen die verzerrte Nahost- Berichterstattung statt?
Eine neue, selbstkritische Gesprächskultur
Wir Schweizer Juden dürfen in der Schweizer Bevölkerung nach wie vor auf viel Verständnis zählen. Dort, wo wir unsere Standpunkte klar und deutlich vertreten, auf die Menschen zugehen, stossen wir nicht nur auf Interesse, sondern finden Koalitionspartner und Freunde. Wenn unsere Solidarität mit dem Staat Israel ohne Vorbehalte zum Ausdruck kommt, wird sie allerdings vielerorts nicht mehr geteilt. Trotzdem geniesst Israel und damit das jüdische Volk in der Schweiz noch grossen Respekt in puncto demokratischer Strukturen, multikulturellen Zusammenlebens und Rechtssystem. Aber die gesellschaftliche Stellung als Juden in der Schweiz ist komplex und mit noch nicht aufgearbeiteten Problemen belastet - dazu gehört auch die aus eigenen Reihen nur selten artikulierte Kritik an der israelischen Siedlungstätigkeit. Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, dass unsere Anliegen wahrgenommen und verstanden werden. Und der strapazierte, schuldzuweisende Bezug auf die Vergangenheit funktioniert schon gar nicht mehr.
Mit anderen Worten: In der "schönen heilen Schweiz" gehören auch für uns Juden einige Mythen und bequeme Ausnahmeregelungen der Vergangenheit an. Wir müssen heute unsere Sache mit ehrlicher Selbsthinterfragung vertreten. Gelegentlich ist aber auch mühsame Überzeugungsarbeit vonnöten. Unser gleichberechtigter Platz erscheint mir dabei keineswegs gefährdet; nur der Anspruch auf selbstverständlich geöffnete Türen muss von uns Juden - wie auch von jeder anderen Minderheit - durch überzeugende Fakten und Offenheit immer wieder neu erkämpft werden.
* Der Verfasser ist Unternehmens- und Informatikberater sowie Vorsitzender der Anti-Defamation League (ADL) von B'nai B'rith Zürich (Augustin-Keller-Loge). Er war bis vor kurzem Mitglied des Zentralvorstandes der Gesellschaft Schweiz-Israel.
597430, NZZ , 04.06.02; Words: 1165
, NO: 86SH7
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