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Tagblatt Ausgabe: Aktualität

Tagblatt vom 15.3.2002, Aktualität

Zum Frieden finden!

Ein Appell des israelischen Schriftstellers Amos Oz

Das Baby, das am Samstag in Netanja getötet, und das kleine Mädchen, das am Sonntag in Bethlehem getötet wurde - sie und alle anderen sinnlosen Opfer dieses palästinensisch-israelischen Krieges wurden getötet, nicht weil es keine Lösung gibt, sondern gerade weil es eine scharfe und klare Lösung gibt, die Führungen beider Völker aber Todesangst vor ihrer Verwirklichung haben.
Und diese Lösung ist bereits allseits bekannt, auch ihren fanatischsten Widersachern auf beiden Seiten: Letztendlich wird hier Friede herrschen zwischen zwei benachbarten Staaten. Deren Grenze wird sich an den Linien von 1967 aufrichten, und sie wird Jerusalem als zwei Hauptstädte durchqueren, und die meisten Siedlungen werden nicht mehr existieren und auch nicht das Rückkehrrecht der Flüchtlinge. Jeder weiss bereits (wenn auch unter Zähneknirschen), dass diese Operation unvermeidbar sein wird. Alle Welt weiss es schon. Auch der Grossteil der arabischen Welt. Die Palästinenser wissen es. Und die Israelis, Tauben wie Falken, wissen, dass der Preis des Friedens so aussehen wird. Nur die Chirurgen selber zaudern. Schlagen Zeit tot. Und Soldaten und Zivilisten, töten Frauen und töten Kinder. Obwohl auch sie es schon wissen. Wissen und fürchten; beide fürchten sich, jeder vor seinen Fanatikern, die ihnen ins Genick blasen, oder zittern aus Furcht vor Gespenstern aus verstaubten Siegeswochen und hohlen Siegesschwüren dunkler Tage und früherer Kriegsrunden. In der Zwischenzeit, während diese vergangenheitszerfressenen Chirurgen noch einen Tag und noch eine Woche herausschinden, in ihren verschreckten Versuchen, die notwendige Operation hinauszuzögern, liegen beide Völker auf dem Operationstisch ausgestreckt und bluten. Statt aus Angst vor Grundsätzen aus der Vergangenheit zu zittern, sollten Arafat und Sharon besser aus Angst vor dem dünnen Heulen getöteter Kinder zittern, die Nacht für Nacht in blutbefleckten Leichentüchern zwischen der Sykomoren-Farm von Sharon und dem Amtssitz Arafats in Ramallah hin- und herstreunen. Denn in einigen Monaten, allerhöchstens in wenigen Jahren, am Tag, an dem der palästinensische Botschafter sein Beglaubigungsschreiben dem Staatspräsidenten Israels in dessen Amtssitz in Kiriat Schmuel in Westjerusalem vorlegen wird, während gleichzeitig der israelische Botschafter sein Beglaubigungsschreiben dem palästinensischen Präsidenten in dessen Amtssitz im El-Asarye-Viertel Ostjerusalems vorlegen wird, an dem Tag, an dem das eine und einzige Heimatland der beiden Völker zu einem Zweifamilienhaus wird mit der geziemenden guten Nachbarschaft zwischen den Bewohnern zu beiden Seiten der Trennwand - an diesem Tage muss sich dieser siamesische Zwilling Sharon und Arafat, Mister Sharafat, den bohrenden Blicken der Toten, der Waisen und Trauernden stellen, der Körperbehinderten und Verarmten, der körperlich und seelisch Verwundeten von beiden Seiten. Und er wird erklären müssen, warum, warum zum Teufel diese Operation immer und immer wieder verschoben wurde. Warum diese unvermeidbare und dringend notwendige Operation nicht vor diesem überflüssigen Blutreigen stattfand.
Dieser Aufruf des Schriftstellers Amos Oz, den wir als Dokument wiedergeben, erschien in der israelischen Tageszeitung «Jedioth Aharonoth». Amos Oz ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Israels, 1993 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Sein neuester Roman «Ein anderer Ort» erschien 2001.

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