Zum Frieden finden!
Ein Appell des israelischen Schriftstellers Amos
Oz
Das Baby, das am Samstag in Netanja getötet, und das kleine Mädchen,
das am Sonntag in Bethlehem getötet wurde - sie und alle anderen sinnlosen
Opfer dieses palästinensisch-israelischen Krieges wurden getötet, nicht
weil es keine Lösung gibt, sondern gerade weil es eine scharfe und klare
Lösung gibt, die Führungen beider Völker aber Todesangst vor ihrer
Verwirklichung haben.
Und diese Lösung ist bereits allseits bekannt,
auch ihren fanatischsten Widersachern auf beiden Seiten: Letztendlich wird
hier Friede herrschen zwischen zwei benachbarten Staaten. Deren Grenze
wird sich an den Linien von 1967 aufrichten, und sie wird Jerusalem als
zwei Hauptstädte durchqueren, und die meisten Siedlungen werden nicht mehr
existieren und auch nicht das Rückkehrrecht der Flüchtlinge. Jeder weiss
bereits (wenn auch unter Zähneknirschen), dass diese Operation
unvermeidbar sein wird. Alle Welt weiss es schon. Auch der Grossteil der
arabischen Welt. Die Palästinenser wissen es. Und die Israelis, Tauben wie
Falken, wissen, dass der Preis des Friedens so aussehen wird. Nur die
Chirurgen selber zaudern. Schlagen Zeit tot. Und Soldaten und Zivilisten,
töten Frauen und töten Kinder. Obwohl auch sie es schon wissen. Wissen und
fürchten; beide fürchten sich, jeder vor seinen Fanatikern, die ihnen ins
Genick blasen, oder zittern aus Furcht vor Gespenstern aus verstaubten
Siegeswochen und hohlen Siegesschwüren dunkler Tage und früherer
Kriegsrunden. In der Zwischenzeit, während diese
vergangenheitszerfressenen Chirurgen noch einen Tag und noch eine Woche
herausschinden, in ihren verschreckten Versuchen, die notwendige Operation
hinauszuzögern, liegen beide Völker auf dem Operationstisch ausgestreckt
und bluten. Statt aus Angst vor Grundsätzen aus der Vergangenheit zu
zittern, sollten Arafat und Sharon besser aus Angst vor dem dünnen Heulen
getöteter Kinder zittern, die Nacht für Nacht in blutbefleckten
Leichentüchern zwischen der Sykomoren-Farm von Sharon und dem Amtssitz
Arafats in Ramallah hin- und herstreunen. Denn in einigen Monaten,
allerhöchstens in wenigen Jahren, am Tag, an dem der palästinensische
Botschafter sein Beglaubigungsschreiben dem Staatspräsidenten Israels in
dessen Amtssitz in Kiriat Schmuel in Westjerusalem vorlegen wird, während
gleichzeitig der israelische Botschafter sein Beglaubigungsschreiben dem
palästinensischen Präsidenten in dessen Amtssitz im El-Asarye-Viertel
Ostjerusalems vorlegen wird, an dem Tag, an dem das eine und einzige
Heimatland der beiden Völker zu einem Zweifamilienhaus wird mit der
geziemenden guten Nachbarschaft zwischen den Bewohnern zu beiden Seiten
der Trennwand - an diesem Tage muss sich dieser siamesische Zwilling
Sharon und Arafat, Mister Sharafat, den bohrenden Blicken der Toten, der
Waisen und Trauernden stellen, der Körperbehinderten und Verarmten, der
körperlich und seelisch Verwundeten von beiden Seiten. Und er wird
erklären müssen, warum, warum zum Teufel diese Operation immer und immer
wieder verschoben wurde. Warum diese unvermeidbare und dringend notwendige
Operation nicht vor diesem überflüssigen Blutreigen stattfand.
Dieser
Aufruf des Schriftstellers Amos Oz, den wir als Dokument wiedergeben,
erschien in der israelischen Tageszeitung «Jedioth Aharonoth». Amos Oz ist
einer der erfolgreichsten Schriftsteller Israels, 1993 wurde er mit dem
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Sein neuester Roman
«Ein anderer Ort» erschien 2001.